Philippinenreise 2002 von Aktion Wasserbüffel |
Kurzfassung Reisebericht
Helga und Dr. Jochen Range,
Februar/März 2002 Philippinen, Manila und fünf Regionen.
Mit einigen Bildern,
im Text angezeigt.
Reihenfolge der Reisestationen:
- Manila
1) Negros mit Bacolod,
Kabankalan, Cara-an
laufendes Projekt Cara-an Dorfentwicklung
2) Cebu mit Pit-os, Cebu City laufendes von NRW
gefördertes Projekt Kinderlernzentrum Batang Pit-os
3) Cebu mit Triumfo, Carmen neues sehr wichtiges Projekt
Kinderdorf Pangga Bata
4) Bohol mit Tagbilaran und Baclayon neues Projekt
Gesundheitserziehung
- Manila
5) Nordluzon, Zambales, Botolan am Pinatubo, Information über
Menschenrechte der Ureinwohner, der Aetas
- Manila, Treffen zu Menschenrechten und Nacharbeit
Abreise
1. Cara-an
Dorfentwicklung von Cara-an in Negros
Pedro P. Zayco jr. ist Bürgermeister von Kabankalan City. Er empfängt uns kurzfristig. Als er unser Anliegen hört, endlich nach acht Jahren der Stadt die Schule in Cara-an zu übergeben, verspricht er schweren Herzens - denn das Stadtsäckel ist leer alles Notwendige einzuleiten. Zwar hat der Erziehungsminister Raul Roco die Notwendigkeit von Vorschulen betont, aber Geld stellt er den Gemeinden nicht zur Verfügung. Natürlich wissen wir, dass auch auf den Philippinen die Versprechungen eines Politikers noch lange keine Taten sind, aber wir legen einen Köder aus. Wir sagen zu, dass Aktion Wasserbüffel im nächsten Jahr einen Teil der Kosten für die Schule in Cara-an übernimmt, wenn es endlich zur Übernahme im Herbst dieses Jahres kommt. Teilnehmer Gesprächs sind Jocelyn B. Robles, Koordinatorin für Kindergärten und Vorschulen der Gemeinde Tampalon, wozu Cara-an gehört, und Porferio Maglasang, Präsident der Elternvereinigung von Cara-an, und unser Freund Carlos Allones. Wir schmieden das Eisen, solange es warm ist, und senden einen Tag später aus der Provinzhauptstadt Bacolod City ein Fax an Bürgermeister Zayco. Darin bedanken wir uns für seine Zusagen. Wir versprechen eine weitere Unterstützung, falls die Gemeinde die Vorschule auf Klasse eins und zwei ausweitet.
Unser Freund und Partner, Pfarrer Norberto Contreras, ist nicht untätig geblieben. Vor einigen Monaten hatte er einen Schlaganfall. Sein rechter Arm ist noch gelähmt. Keine Krankenkasse und auch nicht die Kirche kommt für seine Rehabilitation auf. Wir freuen uns, dass er nach einigem Überreden einen Geldbetrag von Aktion Wasserbüffel zur Rehabilitation annimmt. Er hat mit mit dem stellvertretenden Gouverneur über die Schule in Cara-an gesprochen. Der stellvertretende Gouverneur ist auch ein Zayco, ein Vetter des Bürgermeisters von Kabankalan. Er war vorher dort Bürgermeister. So vererbt sich die Macht in den reichen philippinischen Familien. Zayco will die Übernahme der Schule von Cara-an unterstützen und auch durch öffentliche Gelder fördern.
Viele Kinder in Cara-an und Umgebung haben als einzige Ausbildung die Vorschulerziehung von Aktion Wasserbüffel. So erhalten sie wenigstens Grundlagen in Schreiben und Lesen. Die Schulpflicht für sechs Jahre ändert nichts daran, dass die Kinder nicht in die Elementarschule gehen. Die staatlichen Schulen sind zu weit entfernt, die Wege zu schlecht, besonders in der Regenzeit. Eltern und Kinder wissen, was sie an der Vorschule haben. Entsprechend herzlich ist der Empfang. Es ist Aschermittwoch. Die Kinder tragen bei ihren Vorführungen fast alle ein Aschenkreuz auf der Stirn. Wir unterstützen die Forderungen des Dorfes an die Gemeinde, die ersten zwei Klassen der Elementarschule in Cara-an einzurichten, in unserem Brief an den Bürgermeister Zayco.
Am Weg zum Internetcafe durch den Park steht ein Pavillon, der über die landesweite Aktion "Clean and Green" aufklärt. Die Müllberge in der Stadt Bacolod City sollen verschwinden, Grünanlagen ausgebaut werden, abrissreife Wohnviertel saniert werden. In der Tat erscheint das Müllproblem der Philippinen als fast unlösbar, insbesondere die Hauptstadt Manila, aber auch die Provinzhauptstädte versinken im Müll. Die Aktion "Clean und Green" hat ihre zwei Seiten. Von Seiten der armen Hälfte der Bevölkerung sieht sie so aus, dass grüne Parks in den von den Städtischen Armen bewohnten Siedlungsgebieten entstehen sollen. Die Bewohner werden entschädigungslos vertrieben. Tausende kleiner Straßenhändler, die die Straßen der Zentren säumen und so ihr Überleben sichern, werden vertrieben, und ihre Verkaufsstände werden zerstört. Wir erfahren das von Carlos und seiner politischen Mitstreiterin Lory Angeles, die für die städtischen Armen arbeitet.
Mit Carlos, der sein Priesteramt vor vielen Jahren niedergelegt hatte, gehen wir zu seinem Lehrer Altbischof Fortich. Er hatte uns 1992 in das Flüchtlingsdorf Cara-an geschickt. Dort entstand die Idee von Aktion Wasserbüffel. Er begrüßt uns mit großer Herzlichkeit (Bild). Er freut sich, dass seine Anregung vor zehn Jahren zur Schule von Cara-an geführt hat. Sein Kampf für die Armen hört nie auf. "Wenn die Regierung nicht bald etwas für die Armen tut, kommt eine soziale Explosion wie ein Vulkanausbruch," mahnt er. Eine gerechte Landreform ist für ihn die Grundlage der Demokratie auf den Philippinen.
Große Politik
Wir kaufen täglich mehrere Zeitungen. Auf der Plaza
gibt es schattige Plätze, wo man lesen kann, was zur Zeit die
Philippinen entzweit. Befürworter und Gegner der gemeinsamen
Militärübungen, Balikatan genannt, der philippinischen Armee
mit einem Kontingent von 660 US-Soldaten im Süden der
Philippinen streiten erbittert. Angeblich wollen die
amerikanische Truppen die philippinische Armee bei ihrem Kampf
gegen die moslemische separatistische Banditenorganisation Abu
Sayyaf unterstützen. Die wachsende Zahl der Gegner, keineswegs
nur aus dem linken politischen Spektrum, sieht die Anwesenheit
der US-Truppen als eine neue Art von Kolonialismus an. Es gibt
Mutmaßungen, dass die Amerikaner unter dem Deckmantel der
Terrorismusbekämpfung ihren Fuß nach Asien setzen wollen, in
die unmittelbare Nachbarschaft islamischer Länder wie Malaysia
und Indonesien. Tatsache ist, dass Mitte April mehr als 2000
amerikanische Soldaten wieder zu angeblich gemeinsamen Übungen
im Norden der Philippinen einrücken, in Subic Bay auf der Insel
Luzon, ihrem ehemaligen Marinestützpunkt.
2. Kinderdorf Pangga Bata - Cebu (Bild)
Betreuung für verlassene und ausgebeutete Kinder
Verlassene Kinder
Jessie Armenton ist fünf Jahre alt, aber er sieht aus
wie drei. Jessie war jahrelang unterernährt. Er musste sogar
Holzkohle und Getreidespreu essen. Bevor er mit seinen drei
Geschwistern in das Kinderdorf Pangga Bata kam, besuchte er
häufig die Pfarrkirche von Taytay nahe der Millionenstadt Cebu
City, manchmal fast nackt und sehr schmutzig, um dort etwas zu
essen.
Jessies Mutter starb an einer Krankheit im Januar 2001. Drei Monate nach dem Tod der Mutter verließ der Vater die vier Geschwister und verschwand. Jessie und seine drei Geschwister wurden von ihrer Tante in Obhut genommen. Sie ist selbst sehr arm und muss sieben Kinder durchfüttern. Sie leben in einer Behelfshütte ohne sanitäre Einrichtung.
Wie Jessie ergeht es Tausenden von Kindern in Cebu. Eine der Organisationen, die sich dieser verlassenen und misshandelten Kinder annehmen, ist die Stiftung Pangga Bata das heißt: Zuwendung zum Kind. Der Vorsitzende der Stiftung, Juda (Butch) Carpintero, arbeitet ehrenamtlich, ebenso der Vorstand, dessen Vorsitzender zur Zeit Father Pete Manilag vom Orden der Karmeliter und Rektor eines Priesterseminars in Cebu City ist.
Gemeinsam fahren wir zur Stiftung. Sie liegt in im Ortsteil Triumfo der Stadt Carmen, einem Bergdorf 38 Kilometer nördlich von Cebu City. Auf dem umzäunten Geländer der Stiftung von zwei Hektar Größe liegen zwei Doppelhäuser zur Unterbringung der Kinder, ein Zentralgebäude für gemeinsame Aktivitäten und ein Haus für das Personal. Außerhalb des umzäunten Geländes besitzt die Stiftung ein weiteres Stück Land von 2,2 Hektar, das sich zum landwirtschaftlichen Anbau eignet.
Die Philippinen haben über 18,6 Millionen Kinder, die in Armut leben. 30 % der Kinder unter fünf Jahren haben Untergewicht durch Mangelernährung. Mindestens 30% der Kinder verlassen die Schule vor dem sechsten Schuljahr, 1,5 Millionen leben als Straßenkinder. Mindestens 75.000 Kinder werden zur Prostitution feilgeboten. Schätzungen sprechen davon, dass jedes dritte philippinische Kind irgendwann missbraucht wird. Nahezu fünf Millionen Kinder sind gezwungen zu arbeiten. Die Wurzel des Problems ist die Armut. Die Nichtregierungsorganisation IBON spricht davon, dass mehr als 80 % der philippinischen Familien unter der Armutsgrenze leben. Dieses Problem genießt trotz der Lippenbekenntnisse der Regierung Macapagal Arroyo keine Priorität
Grundlage der Gründung von Pangga Bata war die Überzeugung, dass Kinder in schwierigen Umständen besondere Zuwendung benötigen. Zur Zeit hat die Stiftung zehn Kinder in ihrer Obhut. Die Sozialarbeiterin Cristina D. Muñoz, die die Betreuung leitet, führt uns durch die Einrichtungen der Stiftung. Es ist offensichtlich, dass die Kinder sie lieben und dass sie sich den Kindern liebevoll zuwendet. Die Kinder sind in Wohngruppen untergebracht. Sie erhalten eine Ausbildung an der öffentlichen Schule der Gemeinde Triumfo. Kinder mit psychischen Problemen werden an Psychiater zur Behandlung überwiesen. Tiere wie Ziegen und Hühner werden von den Kindern betreut. Das gibt den Kindern das Gefühl, für etwas verantwortlich zu sein. Außerdem dienen die Tiere zur Eigenversorgung des Zentrums.
Wir lernen die Kinder von Pangga Bata kennen. Jackelyn Booc ist ein 13 Jahre altes Mädchen. Sie ist ein uneheliches Kind. Ihre Mutter gab sie in die Obhut der Großeltern, als sie noch klein war. Als die Großeltern starben, wurde sie zusammen mit ihren zwei Halbschwestern von ihrem Onkel aufgenommen. Er hat selbst drei Kinder zusammen mit seiner Lebensgefährtin. Die Familie ist sehr arm. Die drei Schwestern vom Onkel gezwungen, Geld durch Betteln auf den Straßen zu verdienen. Jackelyn als Älteste war verpflichtet, die Hausarbeit wie Putzen, Wasser holen und Kochen für die Familie zu machen. Die Kinder wurden geschlagen, wenn sie kein Geld nach Hause brachten. In einem Fall wurde Jackelyn von ihrem Onkel, der ein Trunkenbold war, fast erwürgt. Jackelyn ist ein schweigsames und scheues Mädchen, sie ist Schülerin in der dritten Klasse. Ihre Halbschwester Jonalyn ist 12 Jahre alt und auch in der dritten Klasse. Sie ist eher aggressiv und überaktiv. Andererseits ist sie klug und hat Führungseigenschaften. Rosemarie ist die jüngste der drei Booc-Schwestern. Sie ist im Alter von 10 Jahren noch in der ersten Klasse. Sie ist ein nettes freundliches Mädchen und kooperativ.
Ricky ist der älteste Bruder von Jessie Armenton. Trotz seines geringen Alters fühlt sich Ricky verantwortlich für die Betreuung seiner beiden jüngeren Brüder. Er ist klein, aber sehr stark. Er stottert etwas. Letecia ist acht Jahre alt und ist die jüngere Schwester von Ricky. Sie und Ricky sind Klassenkameraden in Klasse 1. Sie sieht kränklich aus und ist sehr bleich. Sie ist schweigsam und scheu. Arnold ist der jüngste der Armenton-Geschwister. Er ist drei Jahre alt. Wegen des Mangels an Nahrung ist er körperlich unterentwickelt. Er sieht aus wie ein Zweijähriger.
Edieluz Sumosa stammt aus einer Bauernfamilie. Sie ist 15 Jahre alt und hat zwei Geschwister. Ihre Mutter starb, als sie sieben Jahre alt war. Ihr Vater heiratete wieder und hatte mit seiner zweiten Frau weitere Kinder. Der Vater ist ein Trinker. Als sie 12 Jahre alt war, wurde Edieluz von ihrem Vater vergewaltigt. Edieluz ist scheu, furchtsam und ist geistig zurückgeblieben. Sie beteiligt sich nicht an Gruppenspielen. Sie ist zufrieden, wenn sie zuschauen kann. Edieluz besucht den Kindergarten.
Johnson Villaflor ist ein fröhlicher kluger Junge. Helga hat ihn sofort ins Herz geschlossen. Er sieht ein bisschen aus wie Harry Potter. Sein Vater ist ein Trinker und arbeitet nicht. Das zwang seine Mutter, fast 24 Stunden am Tag als fliegende Händlerin zu arbeiten. Bevor Johnson in die Obhut der Stiftung kam, hausierte er auf den Straßen mit Zigaretten oder anderen Waren oder bettelte um Geld oder Essen. Johnson ist jetzt 13 Jahre alt und ist in Klasse 5.
Im Anschluss an unsere Begehung und die Gespräche haben wir als Soforthilfe von Aktion Wasserbüffel e.V. einen Wasserbüffel, mehrere Schweine, Hühner und Saatgut sowie Setzlinge zur Bewirtschaftung des vier Hektar großen Geländes zur Verbesserung der Nahrungsversorgung gespendet. Unbedingt nötig wäre ein neuer Tiefbrunnen und ein Speicher zur Trinkwasserversorgung. Die Anlage ist völlig verrottet. Das Wasser aus der Tiefbohrung ist bräunlich, weil die verwendeten Rohre und der Tank verrostet sind. Die Stiftung hätte Platz und Betreuungspersonal für dreißig Kinder. Aber die Mittel reichen nur für zehn. Unser Bestreben ist also, alle dreißig Plätze zu besetzen. Mit 1,50 Euro pro Tag könnte je ein weiteres Kind betreut werden. Damit ist nicht nur die Versorgung gesichert, sondern auch die therapeutische Betreuung sowie die Ausbildung.
3. Pit-os - Cebu
Das Kinderlernzentrum Batang Pit-os in
Cebu City (Bild: Spielende Kinder in Batang Pit-os)
Felipe Manatad ist eines der zwanzig Kinder, die uns begeistert im Kinderlernzentrum Batang Pit-os empfangen. Batang Pit-os würde übersetzt aus der lokalen Sprache Visaya heißen: Kind des Elends. Pit-os ist eine Ortschaft am Rande der Millionenstadt Cebu City. Pit-os ist in der Tat ein Ort des Elends. Es gibt kein Trinkwasser, keine Infrastruktur, keine öffentlichen Verkehrsmittel für diesen Stadtteil mit fünf Siedlungen. Eine dieser Siedlungen, Tapoko, hat seit dem vorigen Jahr ein Kinderlernzentrum mit einer Vorschule, einem Kindergarten, einer Lern- und Lesehalle und einem Spielplatz. Aktion Wasserbüffel hat mit Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen dieses Zentrum gemeinsam mit der philippinischen Partnerorganisation VICAP gegründet (Bild: Schild an der Lesehalle).
Der philippinische Staat versagt nämlich völlig in der Schulpolitik. Im ganzen Land fehlen mindestens 20000 Klassenräume und 10000 Lehrer an den öffentlichen Schulen. Fast die Hälfte aller Ortschaften haben keine Vorschule, obwohl Vorschulen zum Bestandteil des Bildungssystems erklärt wurden. Ohne Vorschulbesuch haben die Kinder kaum eine Chance, in der ersten Klasse der sechsjährigen Pflichtschule zu bestehen. An den öffentlichen Schulen teilen sich im Durchschnitt acht Kinder ein Schulbuch. Private Schulen erheben überwiegende unerschwingliche Gebühren für den Schulbesuch.
Die Kinder in Pit-os freuen sich über das Märchenbuch, das die Vorsitzende von Aktion Wasserbüffel, Helga Range ihnen als Geschenk für die Lesehalle mitgebracht hat. Auch Felipe freut sich, aber er bleibt verschämt im Hintergrund. Felipe hat auf beiden Seiten eine Lippenspalte und eine entsprechend große Gaumenspalte. Als er in die Schule kam, hat er sich immer zwischen Büschen und Bäumen versteckt, damit ihn niemand sah, erzählt Jessie Codilla, die Lehrerin. Die Schule macht ihm Freude und gibt ihm Selbstvertrauen. Seine Eltern können keine Operation zahlen. Sie haben fünf Kinder Der Vater arbeitet fünfzehn Stunden am Tag in Cebu City als Metzger auf dem Fleischmarkt, die Mutter ist herzkrank.
Felipe hat Glück. Als wir eine Woche später in Manila die uns befreundete holländische Nonne Louise Marie van Amersfoort treffen, hakt sie sofort ein, als sie Felipes Bild sieht. Sr. Louise ist nämlich im Beirat eines Vereins für kostenlose plastische Operation von Kindern mit Lippen/Gaumenspalten. Wir knüpfen sofort die Email-Verbindung zu Butch Carpintero, unserem Projektpartner von VICAP in Cebu. Als wir wieder zurück in Deutschland sind, erfahren wir, dass Felipe im Mai dieses Jahres operiert wird.
Die Kinder unserer Schule, müssen sich nicht zu acht ein Schulbuch teilen. Sie haben hier die Gelegenheit, in Ruhe zu lernen. Die Hütten, in denen sie mit ihren Eltern und zumeist drei bis fünf Geschwistern wohnen, haben meistens nur zwei bis drei enge Räume und bieten keinen Platz zum Lernen.
Die Hütten der Eltern liegen verstreut im hügeligen Gelände. Die Wege zu den Wohnvierteln sind kaum mit unserem Geländewagen befahrbar, der letzte Kilometer zu Fuß führt durch die jetzt noch trockenen höher liegenden Teile eines Flussbettes, die aber in der Regenzeit in den Fluten versinken.
Die Kinder legen den Schulweg zu Fuß zurück und werden von den Eltern begleitet. Wir kommen zur Hütte, wo die Eltern von Jose wohnen. Jose hat leider, wie vier weitere Kinder, die Schule vor einigen Monaten verlassen. Die Mutter hat ein Baby im Arm, das fünfte. Sie kann jetzt Jose nicht mehr zur Schule begleiten. Wir sprechen das Problem später im Elternforum an. Auch Butch Carpintero, unser Projektleiter, sucht nach Lösungen. Unter den Eltern wird diskutiert, ob die Eltern sich bei der Begleitung der Kinder ablösen. Allerdings sind die Eltern der Schulkinder von Pit-os nicht in einem geschlossenen Wohngebiet angesiedelt und sie arbeiten fast alle zwölf Stunden oder mehr in der Stadt.
Nach der Diskussion im Elternforum, das ein wichtiger Teil des Projektes ist, sehen wir gemeinsam das Video, das am 19. Januar bei der offiziellen Einweihung und Einsegnung der Lern- und Lesehalle aufgenommen wurde. Das muss ja erfolgreich werden, denn buchstäblich jeds Stück des Hauses und der Einrichtung erhielt vom Rektor des Karmeliter-Priesterseminars, Father Pete Manilag, seinen Segen. Projektleiter Butch Carpintero kann noch mit zwei weiteren Überraschungen aufwarten. Zum einen erhalten wir einen perfekten Zwischenbericht mit Fotos und buchhalterisch genauen Abrechnung der Projektausgaben. Er ist so perfekt, dass unsere Bekannte in Manila, die holländische Nonne Louise, später deutsche Gründlichkeit zu entdecken glaubt. Aber weit gefehlt, es ist philippinische Gründlichkeit. Zum anderen ist am heutigen Tag eine ganzseitiger Artikel in der lokalen Zeitschrift Sun über das Projekt erschienen. Dort steht, dass das Projekt von der Landesregirung von Nordrhein-Westfalen und von der Aktion Wasserbüffel aus dem deutschen Bauernstädtchen Jülich gefördert wurde. Gute Arbeit, Butch. Das Bauernstädtchen verkraften wir.
4. Bohol
Gesundheitserziehung in Bohol
Gesundheit als Menschenrecht
Die Schnellfähre Supercat bringt uns in 90 Minuten von
Cebu City nach Tagbilaran, Provinzhauptstadt von Bohol. Die
Fluggesellschaften hatten unsere 46 Kilo Gepäck widerspruchslos
akzeptiert, nicht so die Fährgesellschaft. Villa Alzhun ist
unser schönstes Hotel auf den Philippinen und nahezu das
billigste. Es liegt am Meer mit Blick auf die Badeinsel Panglao,
auf der wir im vergangenen Jahr übernachteten (Bild).
Bei dieser Gelegenheit haben wir mit dem Arzt Dr. Oliver Gimenez
über das philippinische Gesundheitsystem diskutiert.
In diesem Jahr haben wir gleich einen Besuch bei Oliver und seiner Organisation TEACH geplant. TEACH ist eine Nichtregierungsorganisation, die an der Basis arbeitet und den benachteiligten Gruppen der Gesellschaft in Bohol den Fischern und Bauern elementare Gesundheitsdienste und -erziehung für wenig Geld oder umsonst anbietet. Oliver nennt als Schwerpunkte der Arbeit die Versorgung von Schwangeren, die Geburtshilfe, Impfungen, Zahnbehandlung, Hygieneerziehung und Ernährungslehre. Dazu werden elementare Kenntnisse aus der Natur- und Pflanzenmedizin vermittelt. Oliver betrachtet seine Arbeit als Teil des Kampfes für soziale Gerechtigkeit. Er könnte als praktizierender Arzt in den großen Städten viel Geld verdienen, aber er begnügt sich damit, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Olivers Grundüberzeugung ist, dass medizinische Behandlung für alle zugänglich und bezahlbar sowie angemessen und wesentlich sein muss. Auf den Philippinen gibt es keine ambulante medizinische Versorgung in unserem Sinn. Eine schwere Krankheit bedeutet oft den finanziellen Ruin der Familie. Da es keine funktionierende gesetzliche Krankenversicherung gibt und die privaten für die Mehrheit der Menschen nicht zugänglich oder nicht bezahlbar sind, kommt den Nichtregierungsorganisationen wie TEACH als Selbsthilfeorganisationen eine wichtige Rolle zu. Olivers Arbeit und die seiner Organisation entspricht den Zielsetzungen der Aktion Wasserbüffel, so kommen wir mit Oliver überein, dass Aktion Wasserbüffel eine Unterstützung leistet, die direkt den Bedürftigen zugute kommt und sie zur Selbsthilfe befähigt.
Einschub: Umweltschutz für die Reichen
Das Büro teilt TEACH mit anderen
Nichtregierungsorganisationen. Dort treffen wir Gewerkschafter,
Vertreterinnen von Fischer- und Bauernorganisationen und Martina,
die Vorsitzende der Frauenorganisation GABRIELA auf Bohol. Paula
vertritt die Organisation der kleinen Fischer. Ihre Existenz ist
bedroht. Zum einen fischen die großen japanischen, australischen
und auch philippinischen Fabrikschiffe das Meer außerhalb der
Küstengewässer mit Lizenz der Regierung leer. Den Rest besorgen
dann Fischer, die ihr Überleben durch Fischen mit Dynamit oder
Cyanid sichern wollen. Zum anderen werden traditionelle
Fischereigewässer an den Küsten zu Schutzzonen erklärt,
Stichwort Umweltschutz. Auch hier treffen wir auf den
berechtigten Vorwurf, dass die Regierung der Reichen die
Besitztümer der Reichen von gesetzlichen Einschränkungen - zum
Beispiel für den Umweltschutz - ausnimmt. Dafür aber werden die
Randgruppen ohne Ausgleich ihrer Lebensgrundlage beraubt.
Das gilt auch für die Bauern. Auf Bohol sind weite Gebiete zu Natur- und Umweltschutzgebieten erklärt worden. Viele Kleinbauern verlieren ihre Existenz. Sie werfen der Regierung vor, dass die Ländereien der Großgrundbesitzer nicht betroffen sind. Auch sind große Naturgebiete zur touristischen Nutzung freigegeben, wobei die zerstörerische Einrichtung von Golfplätzen mit ihrem horrenden Wasserverbrauch und ihrem Waldraubbau die Umwelt besonders schädigt. Außerdem sind auf Bohol ohne Rücksicht auf Natur und Ökologie in großem Ausmaß Bergbaukonzessionen vergeben worden. Der Bergbau auf den Philippinen, überwiegend durch australische und kanadische Firmen, ist nach den bisherigen Erfahrungen zerstörerisch für Mensch und Natur. Gesetzliche Auflagen zum Umweltschutz und zur Renaturierung von Tagebaugebieten fehlen entweder oder werden nicht durchgesetzt.
5. Pinatubo - Luzon
Die Aëtas, Ureinwohner vom Pinatubo
Um sechs Uhr morgens brechen wir von unserem Hotel
Danarra in Quezon City auf, um die Aëta-Gemeinschaft in Botolan,
Provinz Zambales, zu besuchen. Die Aëtas sind die eigentlichen
Ureinwohner der Philippinen, kleiner und dunkelhäutiger als die
Mehrheitsfilipinos, und sind verwandt mit den australischen
Aborigines. Sie sind eine weitgehend diskriminierte Minderheit.
Die Entfernung nach Botolan ist etwa 150 Kilometer. Wir fahren im Kleinbus der Organisation ELF, das ist die Abkürzung für "Erziehung fürs Leben". Es ist eine Nichtregierungsorganisation für Erwachsenenbildung, die von Edicio (Ed) dela Torre (Bild), dem früheren Priester, kommunistischen Revolutionär und später Staatssekretär im Erziehungsministerium unter dem Präsidenten Estrada gegründet worden ist. Ed war im vergangenen Jahr bei uns in Jülich
In Botolan, in der Gemeinde Bihawo, werden wir von Carling Domulot, dem gewählten Sprecher der Aëta-Gemeinschaft LAKAS-Bihawo, in seinem traditionellen Lendenschurz, dem Bahag, empfangen. Wir werden in traditioneller Gastfreundschaft zum Essen eingeladen. Es gibt Reis und Hühnchen auf Bananenblättern, gebackene Bananen und eine Süßspeise aus Reis und Kokosmilch. Es fällt uns auf, dass Männer und Frauen nach dem Essen selbstverständlich gemeinsam abräumen. Bei den Aëtas sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Das Dorf hat 600 Einwohner. Es ist ein Umsiedelungsgebiet von etwa 100 Hektar. Die Aëtas haben es 1991 nach dem Ausbruch des Vulkans Pinatubo mit Hilfe von Franziskanerinnen gekauft, als sie ihr traditionelles Gebiet verlassen mussten. Auch die sozialen Strukturen im Dorf sind traditionell demokratisch. Der Sprecher ist gewählt, und zwar nicht auf Lebenszeit. Insgesamt leben im Pinatubo-Gebiet noch 65000 Aëtas. Das Land ihrer Vorfahren am Pinatubo wurde ihnen zugesprochen. Es sind insgesamt über 220000 Hektar. Aber sie können es nicht bewohnen, da es teilweise noch nicht abgekühlt und vielfach mit Vulkanasche bedeckt ist. Dennoch wollen sie zurück gehen, sobald es möglich ist. Sie fühlen sich wie Fische, die aus ihrer natürlichen Umgebung in ein lebensfeindliches Gewässer verpflanzt wurden.
Beim Gang durch Bihawo fällt auf, wie sauber und müllfrei das Dorf ist, im Gegensatz zu den meisten philippinischen Gemeinden. Das Gelände, das 1991 noch kahl war, ist mit Bäumen bestanden. Eine Baumschule in eigener Regie liefert Nachwuchs, auch an fruchttragenden Bäumen wie Mango, Jackfrucht, Lanzones und Cashews. "Wir holen die Jungpflanzen aus unserem alten Siedelungsgebiet am Pinatubo, so haben wir eine Heimatverbindung", meint Carling. Tradition ist das, was die Aëta-Gemeinschaft zusammen hält. Das zeigt sich auch bei den rituellen Tänzen, die Kinder und Jugendliche uns zu Ehren später vorführen (Bild), traditionelle Tanzfiguren, die das Verhalten von Tieren ihres Lebensraumes nachahmen. Auch Naturgeister spielen in ihrem Denken eine wesentliche Rolle. Für sie ist es kein Widerspruch zu ihrem katholischen Glauben. "Apo Namalyari", Oberste Macht, nennen sie ihren Gott. "Wir möchten von der modernen Zeit das nutzen, was uns nützt, ohne unsere Tradition und Kultur zu zerstören", meinen die Jugendlichen im Gespräch mit uns. Natürlich üben gerade die modernen Massenmedien einen starken Einfluss aus. Die Jugendlichen erklären, dass sie sich hier freiwillige Selbstbeschränkung auferlegen. Sie spüren den Sog der seelenlosen Fernsehkultur. Sie brauchen aber ihre Traditionen, um ihre Würde zu bewahren. Sie haben sie Jahrhunderte lang in der Zeit der spanischen Kolonisation bewahrt.
In der Zeit des Kriegrechtes unter dem Diktator Marcos hatten die Aëtas unter Menschenrechtsverletzungen zu leiden. Durch die Militäroperationen in dem unwegsamen Berggelände des Pinatubo gegen die aufständische kommunistische Neue Volksarmee NPA wurden sie in Mitleidenschaft gezogen. Sie wurden auch verdächtigt, die NPA zu unterstützen.
Alle Aëtas legen großen Wert auf Erziehung und Ausbildung. "Wir können in der Mehrheitskultur nur als Volk überleben, wenn wir lernen, unsere Rechte wahrzunehmen", meint Carling. Sie möchten eine Ausbildung, die ihrer Kultur Rechnung trägt. Und die ist friedfertig und kommunikativ, auf gegenseitige Hilfe aufgebaut. Man könnte viel von ihrer friedfertigen Würde lernen. Vor dem Abschied werden wir wieder mit selbstverständlicher Gastfreundschaft bewirtet.
Auf unserer Rückfahrt überqueren wir den Bucao-Fluss, der direkt vom Pinatubo kommt. Über einige hundert Meter Breite sind Flussbett und Überlaufgebiet mit meterhohen grauen Schlamm- und Staubmassen ausgekleidet, die noch vom Ausbruch des Pinatubo her rühren Der weitere Weg führt an Subic Bay vorbei, dem ehemaligen größten Marinestützpunkt der USA in Asien. Der Weg entlang der Küste von Subic Bay gibt den Blick auf landschaftlich schöne Ausblicke frei. Wie lange die 2000 US-amerikanischen Soldaten hier bleiben, die im April zu gemeinsamen Manövern mit der philippinischen Armee in Subic Bay eingetroffen sind, wird sich zeigen. Die Prostituierten jedenfalls haben sich schon wieder nach Zeitungsberichten darauf eingerichtet. Um elf Uhr abends treffen wir mit vielen neuen Eindrücken beladen in unserem Hotel ein.